Thema des Monats Dezember

Grenzen in Archäologie und Altertum

Der Hadrianswall im Norden Englands © Manuel Cohen/akg-images

Grenzen lassen sich als politische und militärische Markierung, wie in Form des römischen Limes fassen. Lineare Grenzen wie Gräben, Wälle und Palisaden bilden dennoch nur einen Teil des Begriffs ab. Naturräumliche Grenzen wie Berge, Flüsse oder Meere schaffen geografische Grenzen, die zu überwinden der Mensch zu allen Zeiten bestrebt war. Im archäologischen Fundgut werden sie sichtbar als importierte und exportierte Gegenstände und sind Bestandteil
wirtschaftlicher und kultureller Grenzräume. Doch auch religiöse Grenzen, wie sie sich beispielsweise in der Christianisierung zeigen, sind ein wichtiger Aspekt des europäischen Mittelalters.

Grenzen finden wir in jedem Lebensbereich von ethnischen, sozialen, kulturellen, politischen bis zu religiösen. Sie sind ein Spiegel der gesellschaftlichen Veränderungen und des Wandels von der Urgeschichte bis in die Gegenwart.

Aus dem Vorwort von Julia Menne und Mirco Brunner. AiD Sonderheft „Grenzräume“

Grenzräume

Das Sonderheft führt die Leserinnen und Leser an unterschiedliche Formen von Grenzen in der Archäologie heran und beleuchtet die Vielschichtigkeit dieses gesamtgesellschaftlich, aktuellen Sujets aus verschiedenen Blickwinkeln.


Mittelsteinzeit – Letzte Zeit in Freiheit?

Die Alpen als Barriere und Brücke; Innovation und Austausch im Ostseeraum; Flüsse im Steinzeit-Wald – Grenzen oder Wege?

Jungsteinzeit – Ausdehnung bis ans Ende der Welt

Das Rätsel der spätneolithischen Galeriegräber; Archäometrie auf dem Prüfstand am Beispiel Herxheim; Siedeln am Rande der Ökumene; Europaweiter Muscheltausch

Bronze- und Eisenzeit – Brennpunkte, Territorien und
Pufferzonen

Das Außerfern – ein Grenzgebiet am Nordrand der Alpen; Goldmine an der Grenze zur mykenischen Welt; Territorien und Territorialität der Eisenzeit; Neuguinea: Modellfall für die europäische Vorgeschichte?

Antike – Bollwerke und Kontaktzonen

Der Limes als Spiegel der Gesellschaft im Laufe der Zeit; Römer und Barbaren: Literarische Abgrenzung im Überblick; Der Obergermanisch-Raetische Limes als Grenzsystem und Kontaktzone; Materielle Kultur und ethnische
Gruppen im archaischen Sizilien

Mittelalter und Neuzeit – Burgen, Barrieren und Todesstreifen

Landschaftsgrenzen und Grenzlandschaften im Nordosten Deutschlands; Grenzkastell der Karolinger; Die Reformation als Konfessionsgrenze; Verhängnisvolle Landbarrieren und fragwürdige Heldentaten in der Barentssee; Vielschichtige Grenzen: Perspektiven aus Zypern und der östlichen Ägäis; Die innerdeutsche Grenze –
Archäologie im Todesstreifen


Eine Grenzgeschichte

Im klassischen Sinne definieren Grenzen Räume und Lebenswelten. Auf der Suche nach einer Definition zum Begriff finden sich hauptsächlich drei Aspekte,
die erfüllt sein müssen, um eine solche beschreiben zu können:
– Es liegen mindestens zwei Einheiten vor, die sich
voneinander unterscheiden.
– Diese Einheiten existieren gleichzeitig.
– Grenzen sind (geografische) Elemente, die den Raum gliedern.

Verschiedene Formen von Grenzen

In der Archäologie lassen sich eine Vielzahl von Grenzen fassen. Einige von ihnen als tatsächlich physische Erscheinungen wie Wall-Graben-Anlagen. Beispiele hierfür sind der Obergermanisch-Raetische Limes oder der Hadrianswall in Schottland. Als Grenzbereich – weniger klar umrissen – werden jedoch auch andere archäologisch nachweisbare Grenzen wie der Limes Saxoniae bezeichnet. Indirekt treten Grenzen im archäologischen Fundmaterial auch durch die systematische Auswertung und Bearbeitung von Fundmaterial auf. Hier lassen sich wirtschaftliche Grenzen zwischen verschiedenen Regionen oder Gruppen erkennen. Daneben fassen wir vielmehr Grenzsituationen, in denen Interaktion und Kommunikation stattfinden. Archäologische Funde streuen weit über das eigentliche Zentrum eines Formenkreises. Das führt zu Überschneidungsbereichen materieller Kultur. Anhand von archäologischen Funden lassen sich Grenzen nicht eindeutig definieren. Ebenso ist dadurch die Form von Grenzzonen unklar und immer im Wandel begriffen. Zu den wichtigsten Grenzen gehören: naturräumliche Grenzen wie Gebirge, Flüsse, Meere, Moore; Grenzen in der materiellen Kultur (z. B. Schnurkeramik/ Glockenbecher); politische und territoriale als auch administrative Grenzen wie der Limes, die Innerdeutsche Grenze, Landwehren, Wegsperren, Grenzgräben, Mauern und Grenzsteine. Ebenso gibt es linguistische, religiöse oder konfessionelle Grenzen sowie ethnische, wirtschaftliche und soziale Grenzen.
Textauszug aus dem AiD Sonderheft Grenzräume

Thema AiD 621

NEU: AiD 6/2021
Roms Grenzen an Rhein – Main – Donau

Dank eindrucksvoller und gut erhaltener Überreste lag der Fokus bei der Erforschung der römischen Reichsgrenzen lange auf den künstlichen Barrieren – Obergermanisch‐Raetischer Limes, Hadriansmauer und Antoninuswall. Doch im Hinblick auf Länge und Truppenstärke waren die Grenzen entlang von Rhein, Main und Donau bei der Sicherung des Reiches für Rom noch viel bedeutsamer.

Die Römer an der Donau

Ausblick auf die ANTIKE WELT 1/2022

Auch in der Ausgabe 1/22 der ANTIKEN WELT wird die Grenzen Roms thematisiert. Der Autor René Ployer berichtet im Titelthema über den Limes an der mittleren und unteren Donau:

Die Grenzen des Römischen Reiches sind nicht nur das wohl größte archäologische Denkmal der Welt, sondern auch gemeinsames Erbe dreier Kontinente. Noch heute bildet dieses weitläufige Überwachungssystem, das sich über mehr als 7000 km in über 20 Staaten Europas, dem Nahen Osten und Nordafrikas erstreckt, mit seiner viele Jahrhunderte langen Entstehungsgeschichte zahlreiche Kulturlandschaften. Davon verlaufen 2400 km, also fast ein Drittel der gesamten Grenzen, in acht Staaten entlang der Donau.

Die Donau bildete seit der Zeitenwende die nördliche Grenze des Römischen Reiches gegen das von verschiedenen Volksgruppen besiedelte Barbaricum. Das Grenzsystem bestand aus einer Kette von Befestigungsanlagen, die sich größtenteils am Süd- bzw. Westufer der Donau aufreihten. Sie waren durch die mehr oder weniger parallel zur Donau verlaufende Limesstraße verbunden und nutzten den Fluss als zusätzliches Annäherungshindernis sowie als Kommunikations-, Nachschub- und Handelsroute.

Nachlese

Sowohl AiD als auch ANTIKE WELT haben in der Vergangenheit mehrfach zu verschiedensten Aspekten von Grenzen berichtet. Hier einige Meldungen der letzten Wochen zum nachlesen.

Neues zum UNESCO-Welterbe Niedergermanischer Limes

Der Niedergermanische Limes wurde am 27. Juli von der UNESCO als Welterbe anerkannt. Über die Hälfte der Fundplätze der länderübergreifenden Welterbestätte liegen in Nordrhein-Westfalen. Nun überreichte Dr. Birgitta Ringbeck vom Auswärtigen Amt die Urkunde.

Inschrift über die Erweiterung des Pomeriums entdeckt

Eine seltene Travertin-Inschrift, die noch eingebettet im Boden gefunden wurde, zeugt von der Geschichte und vor allem von der Entwicklung der Stadt Rom und deren Ausbau. Der Fund wurde während den Ausgrabungen für die Sanierung im Zuge des Projekts zur Neugestaltung der Piazza Augusto Imperatore entdeckt.

Mit dem Smartphone zu den Römern

Der Limes ist das größte Bauwerk, das die Römer nördlich der Alpen hinterließen: Dennoch sind die Grenzbauten für Laien oft schwer zu erkennen und noch schwieriger zu deuten. Abhilfe versprechen Apps für Smartphone und Tablet.

Roms fließende Grenzen

Grenzen sind in unserem Leben allgegenwärtig, sie definieren Räume oder Lebenswelten, wobei maßgeblich ist, dass zwei unterscheidbare Einheiten vorliegen, die gleichzeitig existieren. Räumliche Grenzen verlaufen zwischen Grundstücken, Höfen, Orten, Ländern und sind durch Zäune oder Mauern meist leicht zu erkennen. Soziale oder kulturelle Grenzen sind ungleich schwieriger zu greifen, aber ebenso wirkmächtig. Gesetze, soziale Verhältnisse oder kulturelle Konventionen begründen Grenzziehungen. Fehlt eine Legitimation, können Grenzen überschritten werden oder auch nicht.

Grenzen sind also Konstrukte, die das gegenseitige Verhältnis von Individuen, sozialen Gruppen und auch Staaten beeinflussen. Konstruiert wurden und werden diese, um Identifikation zu ermöglichen oder „Ordnung“ zu schaffen. Sie erzeugen ein Innen und Außen und damit Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit. Dies bedeutet auch, dass diejenigen innerhalb des eingegrenzten Raums sich geschützt und andere sich ausgegrenzt fühlen können. Die jüngsten geopolitischen Entwicklungen, die vielfach eine Selbstbehauptung von Nationalstaaten gegenüber multilateralen Bündnissen erkennen lassen, erfordern einen Diskurs, zu dem die Archäologie mit einer Betrachtung verschiedenster „Grenzphänomene“ beitragen kann.

Auf den ersten Blick mag die Grenze des Römischen Reiches im Rheinland bestens geeignet sein ein „Hüben wie Drüben“ zu klassifizieren, denn schließlich liegt mit dem Rhein ein geografisch limitierender Faktor vor, welcher zwei unterschiedliche Systeme begrenzte: hier das reglementierende römische Staatswesen, dort das „freie“ Germanien. Doch dieses vor allem in der öffentlichen Wahrnehmung gängige Bild beschreibt die tatsächlichen Zustände in der römischen Epoche am Rhein nur unzureichend. Wie es zu dieser – aus heutiger wissenschaftlicher
Perspektive – falschen Wahrnehmung kam, nämlich durch die suggestive, politisch motivierte Beschreibung des Rheins als Trennlinie zwischen Galliern und Germanen durch Iulius Caesar, zumindest zu Beginn seiner „Kommentare zum Gallischen Krieg“, erläutern verschiedene Autor*innen in diesem Begleitband zur Ausstellung.

Textauszug aus dem Ausstellungskatalog „Roms fließende Grenzen“.
Mit spannenden Berichten über spektakuläre Neufunde und detaillierten Abbildungen originalgetreuer Nachbauten lässt dieser Begleitband die Zeit der Römer in Nordrhein-Westfalen wieder lebendig werden!

Roms fließende Grenzen. Archäologische Landesausstellung Nordrhein-Westfalen in folgenden Museen:

24. September 2021 – 27. Februar 2022 Lippisches Landesmuseum Detmold: Grenzüberschreitung am Limes

30. September 2021 – 16. Oktober 2022 LVR-Archäologische Park Xanten / LVR-RömerMuseum: Der Limes am Niederrhein

25. November 2021 – 29. Mai 2022 LVR-LandesMuseum Bonn: Leben am Limes

25. März 2022 – 30. Oktober 2022 LWL-Römermuseum Haltern am See: Rom in Westfalen 2.0

29. April 2022 – 9. Oktober 2022 Kulturzentrum am Neumarkt Köln: Rom am Rhein

Passende (Hör-) Bücher und e-Books zum Thema finden Sie im wbg Verlag


Alle Titel sind über den jeweiligen Link direkt bei der wbg bestellbar.

Roms fließende Grenzen

Archäologische Landesausstellung Nordrhein-Westfalen 2021/2022

In 86 reich bebilderten Beiträgen bündelt er die aktuellen archäologischen Erkenntnisse, die fünf unterschiedliche Ausstellungen zu »Roms fließenden Grenzen« an fünf Museums-Standorten – Bonn, Xanten, Köln, Haltern am See und Detmold – beleuchten.

Interdisziplinäre Forschungen zum Limes

Anlässlich der regelmäßig veranstalteten Kolloquien der Deutschen Limeskommission kommen Wissenschaftler aus ganz Deutschland zusammen und diskutieren über die neuesten Forschungen zum Thema Limes und Römisches Militär. Dieser Band umfasst die verschriftlichten Beiträge des Kolloquiums in Wiesbaden. Darunter finden sich erste Berichte zu neu entdeckten Lagern, moderne Aufarbeitungen von Altgrabungen, Berichte zur Anwendung interdisziplinärer Methoden, Betrachtung von Wasserläufen als Verkehrswegen, geoarchäologische Untersuchungen zu einem Hafen im Vorfeld eines Kastells sowie Betrachtungen zu antiker und neuzeitlicher Wahrnehmung des Limes.

Der Limes

Auf den Spuren der Römer

Zu den eindrucksvollsten archäologischen Denkmälern, die die Römer hinterlassen haben, zählt der Limes. Seit seiner Aufnahme zum UNESCO-Welterbe 2005 widmen sich Forschung wie Tourismus gleichermaßen verstärkt den Grenzen des Römischen Reiches. Die Archäologie konnte seitdem zahlreiche wichtige Entdeckungen machen und viele Aspekte des Limes neu bewerten.